Halti-Training für Hundebesitzer

Der nachfolgende Artikel stammt aus der Zeitschrift "Partner Hund", Ausgabe Nr. 4 / April 2000 (mit freundlicher Genehmigung der Gong Verlag GmbH)

10 Jahre Kopfhalfter

Mit Schnauzband alles fest im Griff

Es gibt sie noch, die Menschen, die ohne Fernsehgerät auskommen, die ohne Computer glücklich sind, die Teenies, die ohne Handy kommunizieren. Es gibt sie auch, die Hundehalter, doe ihren Kraftprotz noch immer mit Stachelhalsband oder Würgekette traktieren, und dabei felsenfest überzeugt sind, dass sie ohne Starkzwangmittel keine "Führungskraft" besäßen. So hängen sie verzweifelt hinter dem Hund, bis ans Ende ihrer Tage... wenn sie nicht vorher gestorben sind. Es gibt sie leider immer noch, 10 Jahre nach der Einführung von Haltis.
Es gibt aber auch die andere Kategorie Hundeführer, für die dieses historische Datum ohne Bedeutung ist: diejenigen, die von Anfang an für den Hund verständliches Bei-Fuss-Training praktiziert haben. Oder diejenigen, die ihrem Raufbold oder Joggerschreck ein für allemal klarmachten: Ich bin der Boss und ich bestimme, wer, wann, wo, wen anmacht! Basta!
Für diejenigen aber, die ihr Bei-Fuss-Training nicht optimal gestaltet haben, die einen in der Halsregion schon versteinerten, dominanten, aggressiven oder unkonzentrierten Hund haben, oder für diejenigen, die einen schwer erziehbaren Riesen namens Owtscharka oder einen Temperamentsbolzen wie Dobermann führen, ist das Kopfhalfter, dessen geläufiger Name "Halti" ist, ein Segen.

Langsam daran gewöhnen

Allerdings, und das muss immer wieder verdeutlicht werden, kauft man Haltis nicht einfach und legt sie um. Wer Haltis verwenden will, braucht eine Schulung von einem Hundetrainer, der den Umgang mit Haltis nicht notgedrungen praktiziert, sondern davon überzeugt ist. Das Halti ist kein Zwangmittel, das mit Hau-Ruck-Mentalität eingesetzt wird, sondern ein Erziehungsmittel, das auf moderner Verhaltensforschung beruht und die Beziehung zwischen Hund und Mensch vertieft.
Und so wirkt es: Das Band, das über der Schnauze, einem sehr empfindsamen Teil des Hundes, liegt, ahmt den Biss über den Fang nach, den der Alpha-Wolf bei seinen untergebenen Rudelmitgliedern anwendet, wenn ihm etwas "stinkt". Dadurch spürt der Hund auf natürliche Weise, wer das Sagen hat.
Bei Begegnungen mit dem vierbeinigen Erzfeind von Gegenüber oder mit dem Radfahrer vom Stadtpark lenkt ein sanfter Zug den Kopf zur Seite, vom Gegner ab in Richtung Hundeführer, wobei die Konzentration des Hundes auf seinen Herrn umgeleitet wird. Dort gibt es ein Leckerli, dort vermittelt man ihm Sicherheit... und mit der Zeit wird aus Rambo ein friedliches Lämmchen.
Haltigewöhnung beginnt mit kleinen Schritten. Das Halti (oder ein Stoffband als Ersatz) wird auf den Nasenrücken gelegt und noch bevor der Hund irgendeine Abwehrreaktion zeigt, lobt man, belohnt man und nimmt es wieder ab, gibt vielleicht danach das Fresserchen oder spielt ein schönes Spiel mit ihm, damit er das Ding mit etwas wunderbarem verknüpft.
 


Wer seinen Hund nur am Halti führt, hat die Handhabung nicht begriffen. Das Halti wird immer zusammen mit einem Halsband getragen. Am Halsband wird geführt, am Halti wird nur sanft korrigiert. Wichtig: Man braucht dazu beide Hände.

Dominante Hunde, die sich schwer ans Halti gewöhnen wollen, können mit Tellington-Touch-Kreisen rings um die Schnauze schnell aufnahmebereit gemacht werden. Mit der Zeit wird das Halti immer länger getragen, aber noch nicht an der Leine befestigt. Es dauert, je nach Geschick des Trainers, und Widerspenstigkeit des Hundes, zwischen 3 Minuten und 3 Wochen, bis eine Akzeptanz da ist. Erst dann beginnen die ersten Führschritte. Der Karabiner, der unter dem Fang eingehakt wird, muss leicht sein. Der zweite Karabiner wird am Halsband befestigt, wo zunächst gleichzeitig auch die Leine einhakt. Niemals darf man den Hund nur am Halti führen, er ist ja schließlich kein Ochse.

Korrigiert und nicht geführt

Für Ungeübte ist es ratsam, die ersten Schritte am Halti zu dritt durchzuführen. Der Hund geht in der Mitte. Der Assistent führt an der Leine und der Hundeführer korrigiert am Halti, das heißt: Geh voraus wird dem Hund mit Komm und leichtem Zug nach vorne an der Leine signalisiert. Ist der Hund zu schnell, wird dies durch leichten Rückzug am Halti vereitelt. Hat man keinen Assi zur Verfügung, so nimmt man beide Hände. Ist der Hund unkonzentriert und lässt seine Blicke schweifen, dann zieht man mit dem Halti den Kopf langsam und sanft in Blickrichtung des Hundeführers. So wird man zum Mittelpunkt des Hundelebens und bestimmt, wo es langgeht. Es gibt Menschen und Hunde, die brauchen lange, bis es klappt. Aber: nicht aufgeben! Es lohnt sich. Fehler macht jeder.
Aber: wer am Halti ruckt und reißt, kann die Halswirbelsäule des Hundes verletzen, wer eine Flexi ans Kopfhalfter hängt oder das Kopfhalfter pur als Führleine benutzt, der hat die Funktion nicht verstanden. Und wer das Halti verdammt, hat nichts begriffen.

Gabriele Schneider